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Mittlerweile frage ich mich dann doch, ob es tatsächlich in Bloglanden noch ein anderes Blog gibt, das in so kurzer Zeit so viele Wohngelegenheiten abgearbeitet hat wie das Rabenhaus.

Angefangen hatte es hier im Dezember 2009 als Rabea Rabenhaus in der 70er-Jahrebreitwandfenster-Wohngelegenheit verzweifelt nach einer neuen Bleibe suchte – vorzugsweise eine Villa Kunterbunt zum Kaufen. Die gab es nicht und so begnügte sie sich mit der miet- aber nicht tragbaren kleinen DHH die sich kurze Zeit später als Tropfsteinhöhle entpuppte. Schwamm drüber, dachte sich Frau Rabenhaus und packte ihre sieben Sachen und ihre Firma und zog nach Bremen ins Scheibenheim. Dort stellten sich die Gegebenheiten vor Ort, insbesondere was die Firma, betraf als eher suboptimal heraus („Kein Plan überlebt den ersten Kontakt mit der Realität“ Zitat Mark Watney). Somit packte Rabea Rabenhaus wieder einmal all ihren Krempel und ihre Firma in einen x-beliebigen Umzugswagen und karrte alles ans andere Ende der Stadt. Das war im August vergangenen Jahres… und wird demnächst auch schon wieder Geschichte sein. Die näheren Umstände können aus Gründen hier zur Zeit noch nicht auf den Punkt gebracht werden… man möge mir das nachsehen.

Nichtsdestotrotz (was für ein Wort!?), ich freue mich riesig. Das Kleine Schwarze sich übrigens freut, ihre Rabenmutter zum Ende diesen Jahres wieder in ihrer Nähe zu wissen.

Und so packe ich mal wieder all meinen Kram, meine Hoffnungen, mein Leben und meine kleine Firma in unzählige Kisten und Kästen. Und fast würde ich sogar behaupten, ich besitze mittlerweile den am besten aussortierten Hausstand ever. Denn mal ehrlich, wer so oft umzieht, überlegt sich ganz genau, was er mit sich rumschleppt.

In diesem Sinne – auf ein Neues!

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Den hier hatte ich übrigens auch schon mal gezeigt, das war im Jahr 2014… und ja, ein Blick auf das Nummernschild bestätigt mir, dass es wirklich der selbe Brummi ist :)

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Kapitel 756 / Erkenntnis

Manchmal im Leben muss man halt Prioritäten setzten…

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Daher entscheidet sich Professor Dr. Carter gelegentlich für: Lieber mittendrin, als nur dabei – egal, wie unbequem die Lage auch sei!

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Letzt, als ich mal wieder des Nächtens bei Kaffee und Keksen an meinem Küchentisch saß und so allerlei Gedanken durch die endlosen Gänge meines Hirns schlurften, war da einer dabei, der ein wenig aus der Masse hervorstach. Besser gesagt: er war irgendwie größer und überragte die anderen um ein gutes Stück.

Neugierig geworden lief ich ihm hinterher. Verlor ihn für Augenblicke immer wieder aus den Augen, weil mich all die anderen Gedanken, dicht gedrängelt wie Menschenmassen auf einem Jahrmarkt, hin und her schoben. Ich sah diesen besonderen Gedanken gerade noch, wie er weit vor mir um eine Ecke bog und verschwand. Die Menge der anderen Gedanken schob mich weiter und als ich endlich an der Ecke ankam, hatte ich große Mühe mich an die Seite zu drängeln, um ebenfalls abbiegen zu können.

Der schmale Gang, den ich betrat, war in ein seltsam düsteres Licht getaucht, die Wände aus dunklem Stein gehauen, Sand knirschte unter meinen Füßen. Weit hinten sah ich meinen Gedanken. In ein dunkles Gewand gehüllt schlich, nein, schwebte er davon. Ich wollte rufen, ihn bitten stehen zu bleiben, doch ich befürchtete, dass ich ihn erschrecken könnte und er dann irgendwo im schier undurchdringlichen Labyrinth meines Hirns verschwinden würde.

So ging ich ihm hinterher, versuchte möglichst leise zu sein, was nicht so einfach war, da der Gang immer schmaler wurde und allerlei alter Kram herumlag. Ich stieß mir ein Schienbein an einer alten Holzkiste und hätte fast laut aufgeheult – mist, tat das weh! Ich biss die Zähne zusammen und sog die Luft mit einem jämmerlichen Zischen ein.

Für einen Moment hielt die Gestalt inne und ich duckte mich schnell hinter die Kiste und hielt die Luft an. Nach einer gefühlten Ewigkeit späte ich vorsichtig in den Gang vor mir. Die Gestalt war verschwunden. Ich sprang auf und stieß mir erneut das Bein. Tränen schossen mir in die Augen. „auuuuutsch“, fluchte ich leise durch die zusammengebissenen Zähne. Ich schaute auf meine zerrissene Hose und dann wieder in den Gang – er war weg! „Na super“, murmelte ich, „das hat ja mal wieder wunderbar funktioniert!“

Ich sah mich um, blickte auf all das Gerümpel, das vor mir im Halbdunkel im Gang herumlag. Wo kommt bloß der ganze Kram her? Fragezeichen ploppten hoch, wie Blasen in einer sämigen Suppe. Wird Zeit, dass hier mal einer aufräumt, war das Nächste was mir einfiel. Ohne weiter nachzudenken folgte ich dem schmalen Gang in die Richtung in die auch der offensichtlich flüchtige Gedanke gegangen war. Ich musste grinsen: flüchtiger Gedanke – wie passend! Ich ging an einem Fahrrad vorbei – mein Fahrrad – mein himmelblaues Klappfahrrad aus Jugendtagen. Wie achtlos weggeworfen lag es auf dem dunklen Boden, überzogen mit dem Staub von Jahrzehnten… Eine Schachtel mit alten Fotos fiel von einem Mauervorsprung und der Inhalt flatterte zu Boden… Eine alte Petroleumlampe lag vergessen neben einem Strohballen. Ich ging weiter. Es kam mir so vor, als wäre ich schon Stunden diesen Gang entlanggegangen, über Kisten gestiegen und um Kram herum laviert. Dieses Bild vom Licht am Ende des Tunnels kam mir in den Sinn. Aber da war kein Licht… nur das Ende: einfach so baute sich in einigen Metern Entfernung eine dunkle Mauer vor mir auf… „haaa! haaa! haaa!“ murmelte ich genervt. Und nun? Und vor allem: Wo ist er hin? Hat er sich vielleicht in Luft aufgelöst? Ist er verpufft oder zerplatzt, wie eine Seifenblase? Zögernd ging ich weiter, wollte einfach nicht glauben, dass das nur ein Hirngespinst oder besser gesagt Hirngespenst gewesen war. Fassungslos ging ich an einer weiteren Kiste vorbei und stand unmittelbar an einer Treppe, die steil hinunter führte. Unten am Fuße der Treppe war es noch dunkler und meine Augen brauchten einen Moment um das fehlende Licht zu kompensieren. Schemenhaft waren Umrisse zu erkennen, ganz so, als würde ein Felsbrocken da unten liegen. Aber war es wirklich nur ein Felsbrocken, der da lag? Doch was sollte ein Felsbrocken in meinem Hirn zu suchen haben? Nun gut, ich lief ja auch durch die ewig langen Gänge meines Hirns und stolperte über mein altes Fahrrad, dann ist ein steinerner Koloss auch durchaus vorstellbar… ja, oder etwa nicht!

Ein zaghaftes „Hallo“ kroch über meine Lippen, ohne dass ich so recht wusste was ich tat. Keine Antwort. Das nächste „Hallo“ kam dann unbeabsichtigt laut, ja fast fordernd aus meinem Mund gepurzelt, knallte an die Wände, prallte wohl hundertfach von ihnen ab und zersprang scheppernd in tausend Teile. Ich zuckte erschrocken zusammen. Nunmehr hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt und der Felsen mutierte zu einer am Fuße der Treppe sitzenden Gestalt, umhüllt von einem weiten Umhang, die Kapuze wohl tief ins Antlitz gezogen.

„Hey du“, sagte ich etwas leiser, „kannst du mich hören?“
Nichts, der Felsenumhang bewegte sich keinen Millimeter.
„Na mach schon“, murmelte ich, „sag was!“
Nichts
„Okay, entweder bist du taub, oder aber du möchtest, dass ich diese glitschigen Treppenstufen zu dir hinabsteige und mir dabei womöglich das Genick breche…!“
Nichts
„Hä?“
Nichts
„Okay, wie du meinst, dann komme ich jetzt runter, aber wehe du haust wieder ab!“
Nichts, die Gestalt rührte sich nicht einmal.
„Schön dableiben, verstanden“ murmelte ich, während meine Füße vorsichtig über die ersten Stufen tasteten.
„Weißt du, ich bin Blogger und schreibe hin und wieder in meinem Blog über allerlei Gedöns…, “…“uuuups…,“ die nächste Stufe war besonders rutschig und ich hatte Mühe, mich an der Wand festzukrallen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. „Und…“, fuhr ich fort, „…und wenn ich von dem hier erzähle, dann glauben womöglich alle Rabea Rabenhaus ist nun völlig durchgeknallt!“
Nächste Stufe.
Nichts.
Ich tastete mich vorsichtig weiter die Stufen abwärts.
„Gut, noch ein paar Stufen… und wehe… du verschwindest, dann werde ich stocksauer… hörst d… scheiiiiße…“, mein Fuß rutschte ab, und ich stolperte die letzte Stufe hinunter.
„We… wehe… du… lachst…“, stöhnte ich inmitten meiner ungelenken Verrenkungen.
Nachdem ich die Balance wiedergefunden hatte wischte ich mir die Hände an meiner Hose ab, streckte die rechte der Kapuzengestalt entgegen und flötete um Freundlichkeit bemüht: „Hi, ich bin Rabea!“
Nichts.
Ich wartete mit ausgestreckter Hand auf irgendeine Reaktion.
Nichts.
„Pass mal auf“, zischte ich und nahm meine Hand zurück, „ich Depp bin dir bis hierher gefolgt, bin diese miese Treppe zu dir hinabgestiegen und da könntest du wenigstens mal hallo sagen!“
Nichts.
„Weißt du, das hier ist mein Hirn“, versuchte ich meine argumentative Taktig zu ändern, „und da glaube ich doch, ich habe ein Recht darauf zu erfahren wer hier so herumgeistert!“
Nichts.
„Oder?“
Nichts.
„WAAS!?“
Nichts.
Genervt verdrehte ich die Augen…

„Sag mal“, fing ich erneut an meine Taktik zu ändern und flötete in schmeichelnden Worten, „sag mal, kann es sein, dass du taub bist? Oder sprechen wir verschiedene Sprachen? Oder bin ich einfach zu blöd, um dich zu hören?“
Nichts.
Zaghaft ging ich einen Schritt auf die Gestalt zu, deren Gesicht im Schatten der tief heruntergezogenen Kapuze nicht zu erkennen war. „Ach, was soll´s, ich werde mich jetzt ebenfalls auf die Treppe setzen. Weißt du, ich habe alle Zeit der Welt, ich kann warten, und dann können wir ja drüber reden, weißt du, man kann über alles reden…“

„Bist du endlich fertig?“ brummte die Gestalt.

Ein gehauchtes „woooow“ huschte über meine Lippen, „es spricht!“
„Setz dich und sei still!“
„Okay, wenn du es so möchtest, setze ich mich und bin still“, murmelte ich, während ich mich in gebührendem Abstand neben die Gestalt auf die Treppe setzte.
„Siehst du, ich sitze.“

„Und ich bin still.“


„Ich kann gar nicht glauben, dass…“
„Sag mal, welchen Teil von STILL hast du nicht verstanden?“ brummte die Gestalt.

„Weiß nicht“, murmelte ich kleinlaut, „den mit dem i?“
Die Gestalt ließ ein gequältes Stöhnen vernehmen.
„Du hast mit den Augen gerollt“, tirilierte ich fröhlich, „stimmt´s du hat mit den Augen gerollt!“
„Sag mal“, brummte die Gestalt, „wie viele Kaffee hattest du heute Nacht schon gehabt?“
„mmmmffffffffhhh“, angestrengt nachdenkend pustete ich die Luft aus, „ich glaube es waren fünf!“
„Du solltest weniger Kaffee trinken!“
„Ich kann nicht weniger Kaffee trinken“, erwiderte ich, „ich trinke doch nur Kaffee“, und um eine Erklärung bemüht fügte hinzu: „Der wirkt bei mir aber nicht mehr, also von wegen wachbleiben und so.“
„Ach, ehrlich?“
„Ja, isso!“
„Wenn du meinst!“
„Sag mal, wer bist du denn nun?“, wollte ich endlich wissen.
„Der Wächter!“, brummte die Gestalt.
„Der Wäääächter?“, wiederholte ich ungläubig.
„Oder der Obmann, oder der Hansel, der in deinem Kopf für Ordnung sorgt, nenn es wie du willst!“
„Ach, so jemanden gibt es?“
„Ja“, brummte die Gestalt und fügte ein leises „Isso!“ hinzu.
„Oh man, das glaubt mir wieder keiner!“, stöhnte ich und fragte nun ehrlich neugierig: „Was tust du denn genau?“
„Nun“, begann die Gestalt zögernd, „wie soll ich das erklären, ich sorge halt für Ordnung.“
„Aha, Ordnung also! Aber was ist mit dem ganzen Krempel da oben im Gang? Ist das die Ordnung, für die du sorgst?“
„Nein, natürlich nicht! Den Kram muss ich noch verräumen.“
„Aha, und wohin kommt der ganze Kram?“
„In den Raum der unverarbeiteten Dinge!“
„wooow, es gibt in meinem Hirn einen extra Raum für die unverarbeiteten Dinge?“ staunte ich.
„Ja, den gibt es, aber der ist schon ziemlich vollgestopft und daher liegt der Kram im Gang herum.“
„Und was ist in den Kisten?“, wollte ich nun unbedingt wissen.
„Keine Ahnung“, brummte die Gestalt, „es sind deine Kisten!“
„Und das Fahrrad, warum liegt es da und warum muss es in den Raum der unverarbeiteten Dinge?“
„Keine Ahnung, es ist dein Fahrrad – sag du es mir.“


„Weiß nicht“, murmelte ich und fügte kleinlaut hinzu: „keine Ahnung…“
„Siehst du“, begann die Gestalt zu erklären, „genau das ist das Problem. Irgendetwas ist mit dem Fahrrad und von daher kann es noch nicht ins Archiv. Also liegt es da rum und wartet darauf, in den Raum der unverarbeiteten Dinge zu kommen!“
„Und wenn es dann irgendwann in dem Raum ist, was passiert dann?“
„Dann liegt es da, bist du irgendwann bereit bist über das Fahrrad nachzudenken.“
„hm… du sagst, dass der Raum schon voll ist und der Kram deshalb im Gang herumliegt“, dachte ich laut nach, „ist das nicht ganz schön blöd?“
„Was soll ich sagen, es ist dein Kram und es ist nicht an mir das irgendwie zu bewerten, ich räume ihn nur dahin, wo du möchtest, dass er ist!“
„hm… sind viele Kisten in diesem Raum?“, fragte ich.
„Einige!“
„Und du sagst, ich weiß was in den Kisten ist?“
„hmh, du weißt es!“
„Und warum sind einige Dinge in Kisten, während andere einfach so herumliegen?“
„Kannst du dir das nicht selber vorstellen? Warum wohl verpackt man etwas in eine Kiste und verschließt diese möglichst fest?“
„hmmm… weil die Dinge nicht schön sind…“, murmelte ich leise.
„Zum Beispiel.“
„Weil man sie vergessen möchte…“
„Auch das.“
„Vergisst man sie irgendwann?“
„Nein, sie sind immer da!“
„Sag mal“, ich zögerte bevor ich weitersprach, „…kann es sein, dass manche Kisten nicht mehr fest verschlossen sind?“
„Warum fragst du?“
„Weil ich glaube, dass einige dieser Kisten irgendwie…“, ich suchte nach einem passenden Wort, „…irgendwie durchlässig geworden sind…“
„Nun, auch das kann passieren“, antwortete die Gestalt.
„Und dann?“, fragte ich.
„Was meinst du, was dann passiert?“, fragte die Gestalt zurück.
„hm… vielleicht öffne ich die Kiste einen kleinen Spalt breit und wage einen winzigen Blick hinein…“

„Oder ich möchte, dass sie wieder fest verschlossen ist und du nagelst noch mehr Bretter an die durchlässigen Stellen!“
Schweigen.
„Duuu, kann es sein“, forschte ich weiter, „dass so eine Kiste auch einfach mal aufspringt?“
„Durchaus… das kann passieren“, murmelte die Gestalt.
„Und dann?“, fragte ich leise, fast flüsternd.
„Dann habe ich alle Hände voll zu tun, den Inhalt wieder hineinzustopfen und die Kiste wieder zu vernageln“, antwortete die Gestalt und fügte bedeutungsschwer hinzu: „…wenn du es möchtest!“


„Sag mal“, fragend schaute ich zu der Gestalt neben mir, „sag mal, gibt es hier noch andere wie dich?“
„Nein, niemanden!“, antwortete die Gestalt ohne mich anzusehen.
„Und du bist nur hier unten?“
„Ich bin überall dort, wo du möchtest, dass ich bin!“


„Gibt es eigentlich viele Räume in meinem Hirn?“, fragte ich die Gestalt, die noch immer stur nach unten schaute.
„Unzählige.“
„oh, echt?“
„hmh!“


„Sag mal“, begann ich, um die Unterhaltung nicht einschlafen zu lassen, „sag mal, gibt es einen Raum, in dem du gerne bist, lieber als hier unten?“
„Wie gesagt, ich bewerte nicht, ich bin einfach nur da, da wo du möchtest, dass ich bin!“

Wir schwiegen eine Weile. Dann sagte ich leise ohne aufzusehen: „Danke, dass du mir das alles erklärt hast!“
„Bitte, gern geschehen!“


„Ich glaube, wir sind für heute Nacht hier unten fertig“, sagte ich während ich aufstand. „Lass uns irgendwo anders hingehen… wie wäre es mit der Kreativabteilung?“
„Okay!“ Die Gestalt erhob sich ebenfalls und strich seicht über den bis zum Boden reichenden Umhang.

Für einen Moment verharrten wir mit gesengten Blicken fast verlegen am Fuße der Treppe.

„Duuu?“
„Ja.“
„Wer bist du wirklich?“
Die Gestalt wendet sich zum Gehen und ihr Umhang bläht sich bei jedem Schritt. „Seele“, murmelt die Gestalt, „ich bin Deine Seele…“

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Für die Verrichtung einiger zugegebenermaßen nerviger, jedoch leider unerlässlicher Aufgaben im Haushalt, sind mehr als 2 Dinge nötig. Seit einigen Wochen hier im Rabenhaus sehr aktuell: Fensterputzen. Man kann sich ja gar nicht vorstellen, wie viel Honigtau (ein nettes Wort für Läusepippi) die kleinen Scheißer, die wohl millionenfach in den Bäumen hier hocken, in der Lage sind zu produzieren. Und da das Rabenhaus ja fast schon unter den riesigen Eichen steht, tropft das Zeug wohl flächendeckend und literweise von den Blättern der Bäume aufs Rabenhaus herab. Ätzend, kann ich nur sagen. Die Terrasse ist seit Wochen nicht zu benutzen, da alles klebt. Selbst der Professor schleicht angewidert und nur auf Zehenspitzen über den Klebkram am Boden. Da der Außenwasserhahn defekt und nur zu reparieren wäre, wenn die komplette Küchenzeile demontiert würde (das sieht der Vermieter nicht so recht ein), kann ich dem Klebkram nur mit Wasser aus der Gießkanne zu Leibe rücken. Was aber auch nicht wirklich hilft, da kurze Zeit später alles wieder mit dem Ekelfilm überzogen ist. Nun ja, und was nicht direkt auf den Boden tropft, wird vom steten Wind in Richtung Fensterscheiben geweht. Und da das Zeug ja so schön klebt, bleibt auch Staub und Dreck wunderbar an den Scheiben kleben…
Nun gut, um diesem Ungemach zu Leibe zu rücken, ergreift Rabea Rabenhaus regelmäßig Maßnahmen á la Fensterputzen, um nicht im Läusedreck zu versinken.

Für die klare Sicht nach Draußen werden neben Wasser, Eimer, Putzmittel – checked, checked, checked – ein Abzieher, ein Einwascher und ein Bezug für eben diesen benötigt. Und genau hier liegt das Problem: Während der Abzieher immer präsent ist, und das obwohl er nicht wirklich ein angestammten Platz im Rabenhaus zugewiesen bekommen hat, sind der Einwascher und sein Bezug einfach nicht zusammen zu haben. Und das geht jetzt schon seit Jahren so. Wann immer sich Rabea Rabenhaus aufmacht Fenster zu putzen, kann sie entweder den Einwascher nicht finden oder aber der Bezug für diesen ist auf nimmer Wiedersehen verschwunden. Es ist wie verhext. Und tatsächlich habe ich auch keine Ahnung, warum dem so ist. Vielleicht liegt es ja einfach daran, dass der Bezug vom Einwascher nach der Benutzung klatschnass und dreckig ist. Ergo er erst einmal einen Gang über eine Trockenlegung und ggf. eine Waschung in der Maschine antreten muss. Und spätestens bei der Trennung der Beiden diese offensichtlich fortan eigene Wege gehen. Letztmalig taten sie dieses vor einigen Jahren. Seither habe ich sie nicht mehr zusammen gesehen. Jeder für sich läuft mir zwar gelegentlich über den Weg, so dass ich sicher bin, dass sich beide Teile noch im Rabenhaus befinden, aber zusammen? No! Tatsächlich glaube ich auch jedes einzelne Mal, wenn ich eines der Teile zu Gesicht bekomme, dieses an einem wirklich idiotensicheren Ort zu deponieren, um beim Antreffen des anderen Teils dann genau zu wissen, wo sich der Rest befindet… Klappt auch nicht. Tatsächlich habe ich auch schon daran gedacht, das fehlende Teil (aktuell ist es der Einwascher) nachzukaufen, um diesem elendlichen Spiel ein für alle Mal ein Schnippchen zu schlagen. Doch spätestens, wenn ich mich im entsprechenden Geschäft befinde, denke ich nicht mehr an das blöde Teil…
Nun ja, mittlerweile ist es für mich schon zu so etwas wie ein running gag geworden und steht für mich für alles im Leben, was so recht nicht zueinanderfinden will. Derweil ich die Fenster mittels eines Fliesenreinigers einseife… der Dreck muss ja irgendwie weg.

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Und nein, so ein unsägliches Dampfreinigergedöns ist für mich keine Alternative. In der Zeit, in der ich das Ding in Betrieb genommen habe, bin ich mit dem ersten und zweiten Fenster schon lange fertig.

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Es ist noch früh an diesem Augustmorgen. Ich sitze in der Küche bei Kaffee & Keksen. Durch das geöffnete Fenster dringt das laute Grundrauschen des nahen Autobahnkreuzes zu mir herein. Bei 10 Spuren dahinjagendem Verkehr ist ein einzelnes Auto, ein einzelner Lkw nicht herauszuhören – alles vermischt sich zu einer jaulenden Ursuppe… 24/7… 12 Monate im Jahr… Tag ein Tag aus und in den Nächten – gnadenlose Monotonie. Einzig der Wind ist in der Lage diesem unaufhörlichen Gejaule ein wenig Abwechslung einzuhauchen, je nach dem woher er weht, den Lautstärkepegel zu variieren. Ein wenig Abwechslung in der nervigen Dauerbeschallung. Mir tun die Menschen leid, die sich das seit Jahren antun (müssen). Vielleicht tu ich mir auch selber leid.

Es ist noch früh an diesem Augustmorgen, als kühle Luft durch das geöffnete Küchenfenster kriecht und mich frösteln lässt. Ich ziehe mir eine Strickjacke über, lege mir ein Tuch um die Schultern. Ich vermisse den warmen Duft des Sommers, der sanft meine Seele umschmeichelt.

Es ist noch früh an diesem kühlen Augustmorgen. Ich sitze am Küchentisch bei Kaffee & Keksen und meine Gedanken huschen wie scheue Wiesel in meinem Kopf herum. Keiner von ihnen will wirklich gedacht werden, keiner ist bereit sich wirklich zu zeigen.

Es ist noch früh an diesem kühlen Augustmorgen und ein Gefühl kriecht ganz langsam aus irgendeiner weit entfernten Ecke meines Seins ins Dämmerlicht, trifft mich völlig unverhofft und mit voller Wucht… das Gefühl von Heimweh. Ich habe Heimweh. Sehne mich nach Beschaulichkeit und Ruhe. Vermisse das Überschaubare, das Altbekannte, vermisse die Menschen, die kurzen Wege, das besinnliche Drumherum… ich habe Heimweh… Heimweh nach der kleinen Stadt…

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